Moni hat wieder in die Tasten gehauen und einer weiteren Gilde Leben eingehaucht. Lest selbst, warum die Gilde “flüchtig” genannt wird.Ein großer Mann mittleren Alters steht auf der Dunkelstraße und blickt sich suchend um. Seine dunklen Haare sind bereits von grauen Fäden durchzogen, doch seine Haltung verrät den Krieger. Die Kleidung sieht schon etwas abgerissen aus. An der Seite trägt er jedoch einen blinkenden Degen mit einem imposanten Griffkorb.
Er winkt den Straßenjungen zu sich heran, der sich misstrauisch nähert. Der Fremde schnippt dem Jungen eine Kupfermünze zu. „Sag Bursche, wo finde ich die Gilde der flüchtigen Schatten? Sie soll in diesem Viertel sein.“ Der Junge weicht drei Schritte zurück. „Tja, Alterchen, da kannst du suchen, bis der Heilige Uknariel dir Bluterzohren wachsen lässt!“ antwortet er keck. „Nur die Mitglieder können das Gildenhaus finden.“
Der Fremde macht einen Schritt auf den Jungen zu und legt drohend die Hand auf den Griffkorb des Degens. „Diese Information ist kein Kupferstück wert. Gib es zurück, du kleine Wanze!“ Der kleine Streuner lacht verächtlich, weicht aber trotzdem erneut einen Schritt zurück. „Niemand bekommt Geld von Matjas zurück! Aber ich mache dir ein Angebot, Alterchen.“ Er hält die Münze hoch. „Für zwei seiner Geschwisterchen würde ich dich zum alten Tromjak bringen. Wenn du zur Gilde willst, dann nur über ihn!“ „Drei Kupferstücke??“ donnert der Krieger und reißt seinen Degen aus der Scheide. „Kerl, bist du von allen guten Geistern verlassen? Du hast deinen Lohn! Los, bring mich zu diesem Tromjak. Rasch!“
Der junge Bursche zuckt zusammen und duckt sich nervös. „Ist schon gut, Herr.“ Der Jüngling hat einiges von seiner Selbstsicherheit verloren. „Aber ihr müsst verstehen. Die Zeiten sind schlecht. Für ein Kupfer bekomme ich nicht mal einen Kanten altes Brot.“ Der Mann taxiert den Buben aus schmalen Augen. „Also gut, Bürschchen.“ Er schnippt ein weiteres Kupferstück in die Luft. Geschickt fängt der Junge es auf. „Und nun gehe vor, Knirps. Aber langsam, sonst kann dich eine nervöse Klinge treffen.“
Vorsichtig geht das ungleiche Pärchen los. Nach zwei Ecken und einer Querstraße bleibt der Junge vor einer heruntergekommenen Kaschemme stehen. Ein alter Mann mit einem Holzbein sitzt davor auf einer Holzbank in der Sonne. Gegen den kalten Wind hat er eine fadenscheinige Decke über die eine Schulter gelegt.
„Tromjak, dieser Fremde möchte zur Gilde der flüchtigen Schatten.“ Der Alte grinst ein zahnlückenhaftes Lächeln. „Siehe an! Ein Neuling! Was willst du von den Flüchtigen Schatten?“ „Ihnen meine Klinge anbieten, was sonst?“ Der Straßenjunge wollte in dem Moment an dem Fremden vorbei und zurück in sein Revier. Doch er kommt dem Krieger zu nahe. Blitzschnell zuckt die Hand des Kämpfers vor und packt den Burschen am Kittel. „Lauf hinein, Bursche und sag dem Wirt er soll eine Kanne Bier und zwei Becher heraus bringen.“ Der Junge ist von der Schnelligkeit des Mannes so verblüfft, dass er mechanisch nickt und hastig in die Kaschemme saust.
„Der Krieger tritt auf den Alten zu. „Darf ich mich setzen? Im Stehen redet es sich nicht so gut.“ Der alte Mann grinst wieder sein löchriges Grinsen und rückt ein wenig auf. „Setz dich, ich erzähle dir, worauf du dich einlassen willst.“
„Die Gilde der flüchtigen Schatten ist eine sehr exklusive Gilde. Weißt du, es gibt genau 32 Mitglieder und keinen mehr! Selbst wenn ein Patz frei ist, ist die Mitgliedschaft nicht selbstverständlich. Um aufgenommen zu werden, musst du eine Prüfung ablegen. Gut, ich habe gesehen, du bist schnell. Aber ob das ausreicht wird der Rat der Asse entscheiden.“
Die Tür kracht auf und eine dürre Schankmaid mit viel zu viel Schminke im Gesicht und einem Tablett in der Hand kommt heraus. Wortlos gibt sie jedem einen Becher in die Hand. Dann schenkt sie Bier ein und stellt den Krug auf den Boden. „5 Kupfer“ krächzt sie und streckt die Hand aus. Der Fremde stutzt während der Alte amüsiert grinst. Mit finsterem Blick öffnet der fremde Krieger seinen Beutel und holt die Kupferstücke heraus. Stumm gibt er dem Mädchen das Geld. Ohne eine Antwort verschwindet sie wieder in der Kaschemme.
Der Alte prostet seinem Spender zu und nimmt einen tiefen Zug aus seinem Becher. „Nun weiter: Die flüchtigen Schatten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr flink sind. Es ist immer besser nicht da zu sein, wo das Messer trifft, als viel Geld dem Heiler in den Rachen zu werfen. Also werden unsere Jungs und Mädels darauf getrimmt, einfach schneller zu sein als die Waffe des Anderen. Das Training ist hart und dauert einen ganzen Monat. Erst danach wirst du von dem Rat der Asse geprüft. Und dann bekommst du auch deine eigene Karte.“
„Was ist denn das mit dem Rat der Asse?“ fragt der Fremde und nippt an seinem Bier. „Nun jeder Kamerad erhält eine Spielkarte eines Kartenblattes. Du weißt schon: Unter, Ober, König, Ass in Eichel, Laub, Herz und Schelle. Anfänger bekommen natürlich nur Zahlenwerte. Erst wenn Platz ist und sich einer verdient gemacht hat, kann er in die Bilder aufsteigen. Der Rat der Asse entscheidet über alles. Sie teilen die Beute, nehmen die Aufträge an und bestimmen wer in welches Viertel geht. Doch die oberste Hoheit und das letzte Wort hat das Eichel Ass.
Aber ich schweife ab. Wenn sich Kameraden treffen, nennen sie gegenseitig ihren Kampfnamen als Parole. Tagsüber gehst du auf ‚Einsammeltour’. Das heißt: Sieh zu, dass du mit Gold nach Hause kommst. Oder wenigstens einen Söldling einer fremden Gilde vertrieben, beraubt oder getötet hast. Besonders den hirnlosen Querschlägern kannst du gnadenlos einen einschenken.“ Der Alte klopft auf sein Holzbein. “Diesem Pack habe ich das zu verdanken.”
“Denke im Kampf immer daran: Eine Wunde, die vermieden wurde, braucht keine Zeit zum Heilen. Sei nicht da, wo dein Gegner dich treffen will. Wenn du jetzt immer noch der Gilde beitreten willst, lass mich allein und komm heute Abend zur achten Stunde wieder. Dann sehe ich zu, dass ich Sipandon, den Ausbilder mitbringe. Er wird dich erstmals prüfen. Die Gilde nimmt nicht jeden!“